Carrie Vaughn  |  Fragen Sie Dr. Kitty

Für Kitty Norville ist ein Wunschtraum wahr geworden: Sie ist Moderatorin ihrer eigenen Radiosendung. Zur Mitternachtsstunde gibt sie orientierungslosen Menschen Tipps, wie sie besser mit ihrem Leben klarkommen können. Dabei stört es sie nicht weiter, dass viele Anrufer mit äußerst ungewöhnlichen Problemen an sie herantreten. Bis sie eine Morddrohung erhält ...

 

»Der nächste Anrufer, hallo. Du bist auf Sendung.«

»E-es geht um meine Freundin. Sie will mich nicht beißen.«

Bobby aus St. Louis klang wie um die zwanzig, jungenhaft und nervös. Ein unbeholfener Spätpubertärer mit Fantasien, die eine Nummer zu groß für ihn waren. Wahrscheinlich trug er eine schwarze Lederjacke und hatte mindestens eine Tätowierung - an einer Stelle, die er mit einem Hemd verdecken konnte.

»Okay, Bobby, nochmal von vorne. Deine Freundin.«

»Ja?«

»Deine Freundin ist eine Werwölfin.«

»Ja«, sagte er mit einer Stimme, die leicht verträumt klang.

»Und du willst, dass sie dich beißt und dich mit Lykanthropie infiziert?«

»Äh, ja. Sie sagt, ich wüsste nicht, worauf ich mich da einlasse.«

»Glaubst du nicht, sie könnte vielleicht Recht haben?«

»Naja, es ist meine Entscheidung ...«

»Würdest du sie zwingen, mit dir zu schlafen, Bobby?«

»Nein! Das wäre Vergewaltigung.«

»Dann zwinge sie auch nicht dazu, das zu tun. Stell dir nur mal vor, wie schuldig sie sich fühlen würde, wenn sie es täte, und du würdest hinterher deine Meinung ändern. Das ist keine Tätowierung, die man mit einem Laser wieder entfernen kann. Wir reden hier über eine völlige Veränderung deines Lebensstils. Sich einmal im Monat in ein blutrünstiges Ungeheuer verwandeln, diese Tatsache vor allen um einen herum verbergen, und dabei versuchen, ein normales Leben zu führen, wenn man nicht mal menschlich ist. Hast du schon ihr Rudel kennengelernt?«

»Äh, nein.«

»Dann weißt du also eigentlich gar nicht, wovon du sprichst, wenn du sagst, du willst ein Werwolf werden.«

»Äh, nein.«

»Bobby, normalerweise mache ich nur Vorschläge, anstatt den Leuten zu sagen, was sie tun sollen, aber in deinem Fall will ich eine Ausnahme machen. Hör auf deine Freundin. Sie weiß sehr viel mehr über diese Sache als du, okay?«

»Äh, okay. Danke, Kitty.«

»Viel Glück, Bobby«, sagte ich und schaltete Bobby weg. »Und Bobbys Freundin viel Glück. Mein Ratschlag an sie ist, den Typen zum Mond zu schießen - diesen Stress kann sie in ihrem Leben wirklich nicht gebrauchen. Ihr hört die ›Mitternachtsstunde‹ mit mir, Kitty Norville. In der vergangenen Stunde haben wir uns mit Lykanthropen über ihre Beziehungen unterhalten, knallhart und ohne Blatt vor dem Mund. Wir machen jetzt eine kurze Werbepause, und wenn wir wieder da sind, gibt es die nächsten Anrufe.«
Ich gab Matt, meinem Techniker, durch das Fenster der Kabine ein Zeichen. Er drückte auf einen Knopf. Das ›Auf Sendung‹-Lämpchen erlosch, und der Titelsong meiner Show, CCRs ›Bad Moon Rising‹, ertönte. Ich nahm die Kopfhörer ab und schob das Mikrofon beiseite.

Jeder will ein Monster sein. Oder ein Monster kennen. Oder zumindest sagen sie das. Gefahr ist verlockend, und was könnte gefährlicher sein als ein Wesen mit den Klauen eines Wolfs und dem Verstand eines Menschen? Oder faszinierender als der Schrecken, der nachts andere verführt? So viele furchtbare und spannende Dinge geschehen in der Nacht, und die Monster beherrschen sie alle. Wie reizvoll, ein Teil davon zu sein. Laut den Umfragen zur Sendung gehören drei Viertel der Zuhörer nicht zu den Übernatürlichen - Werwölfe, Vampire, Hexen, übersinnlich Begabte, Geisterbeschwörer, Wünschelrutengänger, Regenmacher und dergleichen - und haben auch keinen Kontakt zu übernatürlichen Wesen. Sie suchen nach einer Ersatzbefriedigung, einem Gefühl der Bedrohung, während sie sicher zu Hause sind. Sie wollen sich die Gefahren draußen in der Welt vorstellen, jenseits der massiven Wände ihrer Vorstadtwohnungen, und Erregung verspüren. Vielleicht noch einmal eine Urerinnerung durchleben, aus der Zeit, als es zwischen den Menschen und der Nacht noch keine Wände gab. Von diesen drei Vierteln hält die Hälfte das Ganze für einen Scherz, für so was wie eine gefakete Dokumentarsendung. Schließlich weiß doch jeder, dass es keine Monster gibt.

Das andere Viertel dagegen. Für sie mache ich diese Show. Um ihnen zu zeigen, dass sie nicht allein sind.

...

 

Die vollständige Erzählung von Carrie Vaughn finden Sie ab März 2007 in der ersten Ausgabe von Pandora!

 

© 2007 by Carrie Vaughn
© der Übersetzung 2007 by Sara Riffel
© der Illustration 2007 by Titus Ackermann



Illustriert von
Titus Ackermann

Deutsch von
Sara Riffel