Gene Wolfe  |  Der Ritter

[The Knight · 2004]

Das Fantasy-Highlight des Jahres ist Gene Wolfes The Wizard Knight, das jetzt in sehr guter Übersetzung als Mythgarthr-Saga in zwei Hardcoverbänden bei Klett-Cotta erscheint. Nach der Schwemme an Fantasy-Veröffentlichungen, die uns die Verfilmungen von Der Herr der Ringe und Harry Potter beschert haben, wird mit Gene Wolfes literarischer Fantasy ein Höhepunkt erreicht.

Ein US-amerikanischer Junge verlässt im Wald den rechten Pfad und begeht den Fehler, den Ast einer Bitterorange abzuschneiden, um ihn als Wanderstab zu benutzen. Dadurch gerät er in das mittelalterliche Reich Mythgarthr, in dem Elemente der nordischen Mythologie und der Artusdichtung miteinander vereint werden. Der Junge erwacht bei einer alten Frau in einer Höhle am Meer. Die Frau namens Parka (deren Name an die Parzen, römische Schicksalsgöttinnen, erinnert) gibt ihm einen Faden von ihrer Spindel, den er später als Bogensehne verwendet und damit sein Schicksal als Ritter verfolgt. Als Bogen nutzt er den Ast der Bitterorange, der ihn überhaupt erst nach Mythgarthr gebracht hat. Parka gibt dem Jungen den Namen ›Able of the High Heart‹; seinen richtigen Namen - den der Klappentext der deutschen Ausgabe schon verrät - erfährt der Leser erst am Schluss des zweiten Bandes, Der Zauberer.

Able trifft auf den Einsiedler Bold Berthold, der ihn für seinen verschollenen Bruder hält, und auf den Ritter Sir Ravd, der in ihm den Wunsch erweckt, selbst ein Ritter zu werden. Als Able das Moosmädchen Disiri rettet, macht sie ihn erst zu ihrem Geliebten und verwandelt ihn dann in einen erwachsenen Mann. Fortan strebt Able danach, zum Ritter geschlagen zu werden, und begibt sich auf die Suche nach dem magischen Schwert Eterne, das sich im Besitz eines Drachen befindet, und gleichzeitig nach seiner Geliebten Disiri, die nach ihrer kurzen leidenschaftlichen Begegnung wieder verschwunden ist.

Mit Der Ritter besinnt sich Wolfe auf klassische Motive der Fantasy und des höfischen Ritterromans zurück, orientiert sich also an Fantasy vor Tolkien und seinen Nachfolgern. Durch diesen »Rückschritt« gelingt es ihm, dem inzwischen sehr klischeehaften Genre wieder etwas abzugewinnen und auch den typischen Stereotypen, die er aufgreift (Elfen, Riesen, Drachen), neues Leben einzuhauchen, während er auf der anderen Seite einige Stoffe des Genres (ehrfürchtige Rituale und Kampfszenen) verfremdet. Dabei ist der Effekt jedoch keine Parodie, wie beispielsweise in Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romanen. Das Motiv der Suche, des Ritters, der um seine Angebetete wirbt, sich im Kampf beweisen muss und trotz häufigen Scheiterns stets sein Ziel verfolgt, durchzieht das gesamte Buch. Gerade durch das Unterminieren der angestaubten Klischees erreicht Wolfe eine viel größere Ernsthaftigkeit.

Wie Parzival ist auch Able ein unschuldiger Narr. Es wird immer wieder deutlich, dass der naive Erzähler, der seine Abenteuer als Brief an seinen Bruder Ben zu Hause in Amerika verfasst, tatsächlich ein Junge ist, der im Körper eines Erwachsenen gefangen ist. Viele Dinge begreift er nicht oder enthält sie dem Leser vor, weil er ihnen selbst keine Beachtung schenkt. So entstehen Leerstellen, die der Leser selbst füllen, die er sich erst im Verlauf des gesamten Werkes erarbeiten und zusammenreimen muss - darum sollte man bei Wolfe gerade Kleinigkeiten, die scheinbar nur nebenbei erwähnt werden, große Aufmerksamkeit schenken.

Der Ritter ist sicherlich keine leichte Kost, aber dafür gibt einem das Buch für die Zeit, die man investiert, auch einiges zurück. Alte Wolfe-Fans werden auch hier wieder begeistert sein, und für Neueinsteiger ist es eine gute Möglichkeit, den Autor kennenzulernen, den sein Kollege Michael Swanwick als den »größten lebenden englischsprachigen Autor« bezeichnet. Nach anderthalb Seiten ist man gänzlich in die mythische Welt eingetaucht, die Wolfe hier präsentiert, und obwohl uns der Erzähler wiederholt fragt: »Klingt das verrückt?«, glauben wir ihm jedes Wort.

Klaas Ilse



Klett-Cotta (Stuttgart, 2006) | Pappband, 564 Seiten | Deutsch von Jürgen Langowski | Schutzumschlag und Illustrationen von Dietrich Ebert