Richard Morgan  | Heiliger Zorn

[Woken Furies · 2005]

Der Ex-Spezialagent Takeshi Kovacs ist nach Hause zurückgekehrt, auf Harlans Welt, wo vereinzelte Archipele das einzige nutzbare Land im endlosen Ozean darstellen und wo der Himmel von den uralten, außerirdischen Orbitalen bewacht wird, die leichtsinnigen Luftverkehr mit einer tödlichen Lanze »Engelsfeuer« abstrafen. Selbstredend ist Kovacs nicht auf Familienbesuch - vielmehr richtet er ein kleines, privates Schlachtfest unter den religiöses Fundamentalisten an, die auf Harlans Welt mehr und mehr Boden gewinnen.

Auf der Flucht trifft er auf die Informationstechnisch hochgerüstete Sylvie Oshima, die ihm eine ideale Tarnung anbietet: Gemeinsam mit ihrem Team begleitet er sie zu »Reinigungsarbeiten« auf den von unkontrollierten Kriegsmaschinen verseuchten Kontinent New Hokkaido. Ihm auf den Fersen ist ein zweiter Takeshi Kovacs - eine jüngere Version seines Ichs, aus einem illegalen Bewusstseinsspeicher in einen neuen Körper geladen.

Bald muss Takeshi 1 allerdings feststellen, dass sein Doppelgänger es weniger auf ihn als auf Sylvie abgesehen hat. Sylvie scheint die Schlüsselfigur für die Wiederbelebung einer alten Revolutionsbewegung zu sein, und verständlicherweise hat die herrschende Harlan-Familie nicht vor, sie frei herumlaufen zu lassen. Kovacs gerät in einen Zwiespalt zwischen den verschiedenen Aspekten seiner Vergangenheit als Ex-Agent und Revolutionssympathisant. Gefangen zwischen unklaren Fronten folgt Kovacs seinem alten Grundsatz: »Mach es persönlich ...«

Scheinbar zwangsläufig steht mit einem neuen Takeshi-Kovacs-Roman das immer gleiche Rezensentendilemma an: Selten schlägt man ein Buch nach der Lektüre mit so viel erschöpfter Zufriedenheit zu - und selten gibt es trotzdem so viel zu bemängeln.

Um mit den guten Nachrichten anzufangen: Morgan liefert diesmal nicht nur das, worin er sein Können schon in den beiden Vorgängerromanen unter Beweis gestellt hat, nämlich Hollywood-Action, lakonische Sprüche, gefällige Gemetzel und eine hakenschlagende, temporeiche Handlung. Er stellt auch neue Qualitäten zur Schau und solche, die bislang nur in Ansätzen erkennbar waren, was vor allen Dingen für die Charakterisierung der Figuren gilt: Heiliger Zorn präsentiert das bislang lebendigste und glaubwürdigste Ensemble Morgans.

Insbesondere bei Takeshi Kovacs hat man zum ersten Mal in drei Romanen wirklich das Gefühl, in der Haut des eiskalten, getriebenen Killers zu stecken, dessen persönliche Ethik hier endlich klarer Gestalt annimmt. Auch über die schon in den Vorgängerromanen vielzitierte Revolutionstheorie des Quellismus erfahren wir Genaueres, und der erste Blick auf Kovacs Heimatwelt löst die Erwartungen ein, die die ersten beiden Romane geweckt haben. Insofern ist das Buch in jedem Fall ein Freudenfest für treue Kovacs-Fans und gibt der Serie sogar so etwas wie einen vorläufigen Abschluss. Kovacs hat sich weiterentwickelt, und dass er dazu noch fähig ist, stellt eine große Erleichterung für jeden auch nur ansatzweise humanistisch gesinnten Leser dar.

Andererseits bleibt das Problem, dass Morgan viele seiner Konzepte zu hoch hängt: der Quellismus als politische Theorie kommt recht platt, altbacken und moralisch daher, und mit dem Konzept des Sleeving manövriert Morgan sich auch hier wieder in einige vertrackte Ecken - eine zentrale Wendung des Buchs wird dadurch bei näherem Hinsehen völlig infrage gestellt, und es ist schwer zu glauben, dass Morgan selbst das Riesenloch in seiner Geschichte übersehen hat. Die entsprechenden Erklärungsversuche zumindest bleiben dünn. Und auch die implizierten Veränderungen der menschlichen Existenz durch das Sleeving kann Morgan nicht wirklich vermitteln: Stattdessen erzählt er intelligent und unterhaltsam vom »same old human«, der vor dem von Morgan gezeichneten Hintergrund aber nicht mehr wirklich glaubwürdig erscheint. Um seinen Themen gerecht zu werden, bräuchte Morgan die stilistische Radikalität eines Samuel Delany oder John Clute - was ihn allerdings wesentlich schwerer verdaulich machen würde.

Das heißt nicht, dass der Roman dumm oder anspruchslos ist - Morgan bearbeitet das Thema persönlicher Verantwortung innerhalb repressiver gesellschaftlicher Verhältnisse auf zahlreichen Ebenen und wartet dabei nur sehr selten mit dem erhobenen Zeigefinger auf. Seine ausgefalleneren SF-Konzepte scheinen ihm dabei aber manchmal mehr im Weg zu stehen als irgendetwas anderes.

Ein kleines Wort zum Umfang: zwar hätte Morgan auch bei diesem Wälzer durchaus ein paar Seiten einsparen können, allerdings stehen Handlung und Umfang diesmal in einem weit angemessenerem Verhältnis als in dem Vorgänger Gefallene Engel.

Für den versierte Morgan-Leser gilt also die übliche Empfehlung mit einem kleinen Plus: der bislang interessanteste Band der Reihe. Neueinsteiger könnten allerdings ein paar Verständnisschwierigkeiten haben und sollten vielleicht eher mit Das Unsterblichkeitsprogramm beginnen.

Jakob Schmidt



Heyne Verlag (München, 2006) | Taschenbuch, 688 Seiten | Deutsch von Bernhard Kempen | Titelbild von Chris Moore