K. W. Jeter  |  Dr. Adder

[Dr. Adder · 1984]

Mit einem schwarzen Koffer in der Hand kommt E. Allen Limmit nach Los Angeles, um dem legendären Dr. Adder ein Geschäft anzubieten. Dr. Adder - das ist der Chirurg, der die Huren von LA operativ verstümmelt oder mit Prothesen ausstattet, damit sie den Gelüsten ihrer Kunden besser entsprechen. Er ist das Symbol einer völlig entgrenzten Gesellschaft; und so sieht ihn auch der Fernsehprediger Mox, dessen Moralpolizei den unbeeindruckten Adder und seine Kundinnen terrorisiert. Limmit, der Adder wie so viele andere auch verehrt, weiß nicht, dass der Gegenstand in seinem Koffer das empfindliche Machtgefüge von LA nachhaltig stören wird ...

K. W. Jeters Roman Dr. Adder, geschrieben 1972, erstmals veröffentlicht 1984 und einer der wichtigsten Vorläufer des Cyberpunk, ist eine kleine Legende: Wegen des »skandalösen Inhalts« wollte lange Zeit kein Verlag das Manuskript anfassen. Ein solcher »Skandalroman« droht nach über dreißig Jahren natürlich, »überholt« zu sein, und tatsächlich ist heute schwer vorstellbar, dass Dr. Adder wegen seiner sexuellen Thematik keinen Verlag finden würde. Glücklicherweise ist aber der Schock des sexuellen Tabubruchs nicht die einzige Qualität, auf die der Roman sich stützt, und so kann er auch heute noch in weiten Teilen überzeugen.

Man merkt Dr. Adder an, dass es sich um einen Erstling handelt - im Guten wie im Schlechten. Die Ideen und Konzepte sind radikal auf die Spitze getrieben, die Bilder und Metaphern bizarr, eindringlich und brutal, kurz: der Autor geizt nicht mit dem, was er zu bieten hat, und macht unmissverständlich klar, dass dies die wichtigste Geschichte ist, die er zu erzählen hat. Als Erzähler und Stilist ist Jeter allerdings noch nicht ganz sicher auf den Beinen: So baut die erste Szene in LA nicht die Energie und Spannung auf, die Jeter offenbar erzielen will, sondern bleibt eher verwirrend und in ihrer Ausführlichkeit recht überflüssig.

Auch was die Erzählperspektive betrifft, wirkt der Roman unentschlossen: In sehr unregelmäßigen Abständen wechselt er von der eigentlichen Hauptfigur Limmit zu Nebenfiguren, wobei nur die Perspektivenwechsel zu Adder wirklich schlüssig und notwendig erscheinen. Im letzten Drittel gerät der Roman dann deutlich ins Stocken, als der eigentliche Konflikt zwischen Limmit/Adder und Mox zugunsten eines langen Exkurses in den Hintergrund tritt, in dem Jeter eine seiner Grundideen allzu breit auswalzt. Limmit verliert dabei als Figur viel von seiner Eigendynamik und wird zunehmend durch - eher schwerfällige und willkürlich eingesetzte - sarkastische Introspektiven charakterisiert. Hier scheint Jeter einfach zu wenig Distanz zu seiner Hauptfigur zu haben, wodurch sie streckenweise zum reinen Sprachrohr wird.

Glücklicherweise sind die konzeptionellen Ideen des Romans alles andere als überholt. Obwohl sexuelle Perversionen eine zentrale Rolle in Dr. Adder spielen, enthält der Roman sich einer moralistischen Verurteilung. Brutale Gelüste und Korruption sind hier nicht einfach eine verwerfliche Eigenschaft der Reichen und Mächtigen, sondern die logische Folge einer bürgerlichen Sexualmoral. Der skrupellose Chirurg Dr. Adder zieht die dunkle Seite dieses Sexualregimes vor allem aus kommerziellem Interesse ans Licht - und wird durch seine Offenheit zu einer weit sympathischeren und subversiveren Figur als diejenigen, die von einem moralischen Standpunkt aus argumentieren.

Von dieser Feststellung aus geht Jeter allerdings noch einen Schritt weiter und erzählt, wie jede Subversion in ihr Gegenteil verkehrt werden kann, in ein erbauliches Ausstellungsstück im Schaukasten der bürgerlichen Gesellschaft. Dieses Schicksal wiederfährt in Jeters Roman auch der Science Fiction, die kanonisiert und harmlos gemacht ihre Rolle als »Hofnarr der Zivilisation« spielt. So bringt der ganze Roman auch eine gewisse Verzweiflung ob der Unmöglichkeit zum Ausdruck, wirklich gegen den Strich zu schreiben, wirklich alle Regeln zu missachten. Jeters Buch bricht eigentlich keine Tabus, es macht etwas Besseres: Es denkt auf intelligente Weise darüber nach, wie der Versuch des Tabubruchs schon im Ansatz scheitert und inwiefern die Übertretung Teil des Regimes ist, gegen das sie aufbegehrt.

Als Roman eine etwas holperige Angelegenheit, bleibt Dr. Adder überaus lesenswert, nicht zuletzt - und ironischerweise, wenn man die Kernaussage des Romans bedenkt - als historisches Dokument der Science Fiction.

Jakob Schmidt



Edition Phantasia (Bellheim, 2006) | Klappenbroschur, 256 Seiten | Deutsch von Sara Schade | Titelbild: Philip S. Neundorf