[Svålhålet · 2004]
Es gibt drei heilige Regeln in der deutschen Verlagslandschaft, wenn es darum geht, einen Science-Fiction-Titel mit Aussicht auf kommerziellen Erfolg zu veröffentlichen:
− der Autor muss aus den USA oder Großbritannien stammen
− es sollte sich um einen möglichst umfangreichen Roman handeln, der den Auftakt mindestens einer Trilogie bildet
− das Taschenbuch ist das Format der Wahl, großformatige Paperbacks stellen eine gerade noch mögliche Ausnahme dar
Gegen diese »goldenen« Regeln verstoßen die Verlage nur in wenigen Ausnahmefällen; lediglich kleinere Unternehmen, die nicht gewinnorientiert arbeiten, leisten sich ein Durchbrechen dieses Prinzips. Umso erstaunlicher ist daher vorliegender Hardcoverband, in dem 19 SF-Storys des schwedischen Shootingstars Mikael Niemi gesammelt sind. Von Niemi stammt der Bestseller Populärmusik aus Vittula, von dem weltweit bereits über 800000 Exemplare verkauft wurden und der gerade verfilmt worden ist.
Schon die Aufmachung und zumindest der deutsche Titel weisen darauf hin, dass man es mit humoristisch-schrägen Geschichten zu tun hat. Tatsächlich erinnert die Vielfalt an skurrilen Ideen an Douglas Adams oder Robert Sheckley, während der (mehr oder weniger) geistreiche philosophische Ansatz an Stanislaw Lem gemahnt. Dabei macht sich Mikael Niemi nicht nur über die Überheblichkeit des Menschen lustig, der sich sehr zu Unrecht für die Krönung der Schöpfung hält, sondern zieht auch allerlei SF-Klischees durch den Kakao.
Ein schönes Beispiel ist die Story »Ponoristen«. Der Begriff Ponoristen leitet sich von dem englischen Ausdruck ›Point of No Return‹ ab, und bezeichnet Raumfahrer, die eben diesen Punkt auf ihrer Reise überschritten und keine Chance auf eine Rückkehr zur Erde haben. Kein Wunder, dass in der Einsamkeit des Alls manch einer den Verstand verliert - besonders, wenn unglückseligerweise die Unterhaltungs-Software des Bordcomputers gelöscht wird. Der Held von »Ponoristen« wird nur dadurch vor dem völligen Wahnsinn und dem daraus resultierenden Tod bewahrt, dass er sich mit einer Spinne anfreundet, die irgendwie vor dem Start als blinder Passagier an Bord geraten ist.
Was sich eher banal anhört, ist eine witzige und geistvolle Story über die Raumfahrt und menschliche Abenteuerlust. Nicht die klischeebehafteten Helden, die man aus Film und Fernsehen kennt, sind es, die das All erobern, sondern emotionelle Krüppel und arme Irre, die jedoch aufgrund ihres Durchhaltevermögens tatsächlich etwas Heroisches an sich haben.
Vollends zum Narren macht sich die Menschheit beim Kontakt mir außerirdischen Wesen, wie ihn u. a. die Story »Erde« schildert. Als in einer Raumfahrerkneipe auf dem Asteroiden »Wichssocke« der menschliche Protagonist erzählt, sein Heimatplanet heiße »Erde«, lachen sich sämtliche anwesenden Aliens im wahrsten Sinne des Wortes über den blödsinnigen Namen kaputt. Kein Wunder, dass unser Held vor ein intergalaktisches Gericht gestellt wird.
Auch die übrigen Geschichten bieten einiges an schwarzem Humor und sind darüber hinaus auch noch recht ordentlich geschrieben. Mikael Niemi verfügt über einen lockeren, lakonischen Stil, seine Späße bröseln vor Trockenheit.
Wenn es da nicht jene bereits weiter oben erwähnten Meister der humorvollen SF gäbe, könnte man Das Loch in der Schwarte fast schon uneingeschränkt empfehlen. Dann und wann kann man sich jedoch des Eindruckes nicht erwehren, Niemi habe Douglas Adams Per Anhalter-Bände mehr als einmal gelesen ...
Und auch dem direkten Vergleich mit Robert Sheckley hält Niemi kaum stand. Ohnehin hätten gerade dessen Story-Kollektionen es weit mehr verdient, als edle Hardcover zu erscheinen.
Christian Hoffmann

btb (München, 2006) | Pappband, 224 Seiten | Deutsch von Christel Hildebrandt