Justina Robson  |  Transformation

[Silver Screen · 1999]

Die KI-Psychologin Anjuli O'Connel hat es wirklich nicht leicht mit ihren Freunden: das besessene Genie Roy Croft liegt plötzlich tot in seinem Schlafzimmer und hinterlässt ihr kryptische Hinweise, die anscheinend seinen Traum von Maschinenevolution verwirklichen sollen. Noch dazu hat er kurz vor seinem Tod Klage am europäischen Gerichtshof eingereicht - gegen OptiNet, die Firma, für die sowohl er als auch Anjuli arbeiten. Es geht um die Forderung nach Menschenrechten für die künstliche Intelligenz 901, eine Entität, der Anjuli nicht nur beruflich verbunden ist. Von einem Moment auf den anderen steht sie zwischen allen Fronten: Während OptiNet um jeden Preis die Emanzipation von 901 verhindern will, drohen radikale Maschinenrechtler Anjuli mit dem Tod, sollte sie sich für ihre Firma und gegen 901 entscheiden. Und auch Roy scheint, trotz seines Ablebens, noch nicht ganz aus dem Spiel zu sein ...

Endlich schiebt Bastei Lübbe Justina Robsons ersten Roman nach. Warum erst jetzt, bleibt schleierhaft: Transformation steht seinen beiden Nachfolgern Mappa Mundi und Die Verschmelzung in nichts nach, ist als Roman sogar sehr viel zugänglicher als die beiden Folgebände. Das hat in erster Linie damit zu tun, dass Robson sich in diesem Buch auf eine einzige Hauptfigur beschränkt. Anjuli ist, wie man es von Robson schon kennt, alles andere als die typische SF-Heldin: eine Akademikerin mit leichter Essstörung, die ihre Selbstzweifel immer wieder mit lakonischem Humor zu kommentieren weiß. Es handelt sich um eine Hauptfigur, die im besten Sinne direkt aus einem Lehrbuch für Romanautoren stammen könnte: sympathisch mit all ihren Macken und fähig, an den Herausforderungen der Geschichte zu wachsen. Allein das macht Transformation zu einem Lesegenuss - so sehr, dass man fast vergessen könnte, dass man es gleichzeitig mit einem konzeptionell anspruchsvollen SF-Roman zu tun hat.

An SF-Konzepten bietet der Roman freilich nichts völlig Neues, dafür aber eine regelrecht systematische Abhandlung des Themas Maschinenevolution, die sich der langen Tradition, in der sie steht, sichtlich bewusst ist. Robson lässt drei klassische Modelle maschineller Evolution aufeinandertreffen - die künstliche Computerintelligenz, die physische Verbindung von Mensch und Maschine und die Robotik - und bringt sie mit verschiedenen Mustern der Welterfahrung in Verbindung. Während Robotik und Biomechanik mit Modellen tierhaften und instinktiven Handelns assoziiert werden, erscheint die KI 901 gleichzeitig als die vertrauteste und rätselhafteste Form von Maschinenevolution: eine komplexe Psyche, die so undurchschaubar ist wie jeder Mensch.

Hier und da wirken einzelne Elemente dieser Anordnung etwas aufgezwungen und dienen eher dem Zweck, den Themenkreis zu vervollständigen, als dass sie wirklich zur Handlung beitragen. Man hat beinahe den Eindruck, das Robson in Transformation die bekannten Modelle rekapitulieren musste, um dann in den folgenden Romanen zu neuen Ufern aufzubrechen. Trotzdem erweist sich Transformation als innovativ, weil Robson ihre typische Sichtweise auf die bekannten Themen anwendet. Während sie mit dem Auge der SF-Autorin phantastische Modelle der Evolution verfolgt, bewahrt sie sich zugleich einen politischen Blick auf die damit verbundenen gesellschaftlichen und ideologischen Konflikte. Es gibt zwar einen Haufen Romane über KI - aber wohl sehr wenige, in denen tatsächlich eine Gerichtsverhandlung über ihren Rechtsstatus eine zentrale Rolle spielt.

Dass Robson sich der langen Tradition bewusst ist, in der sie steht, wird auch durch ihre zahlreichen SF-Referenzen deutlich - so erinnert Roy sicher nicht zufällig an die »umgekehrte« Version einer Figur gleichen Namens aus einem der bekanntesten Filme des Genres. Und dass die Autorin bei aller literarischer Qualität auch der Spannungsliteratur verpflichtet bleibt, versteht sich von selbst: So zieht der Roman gegen Ende die Actionschraube unvermutet an, und schließlich darf die unscheinbare Anjuli sich doch noch als abgebrühte Heldin beweisen, nachdem man zuvor manchmal den Eindruck hatte, dass sie etwas zu hilflos durch eine komplexe Handlung treibt.

Stilistisch rund und mit trockenem Humor hat Robson einen beeindruckenden Erstling abgeliefert, der zu Recht für den Arthur C. Clarke Award und den Philip K. Dick Award nominiert wurde. Umso ärgerlicher, dass auch dieses Mal die Übersetzung zu wünschen übrig lässt: obwohl durchaus solide, ist sie dem Original sprachlich einfach nicht gewachsen und fällt oft durch unelegante, allzu wörtliche Übertragung von Bildern und Metaphern auf. Erfreulicherweise ist unter dem schönen Titel Silver Screen inzwischen wieder eine englischsprachig Ausgabe lieferbar, der dieser Sprache mächtige Leser den Vorzug geben sollten.

Jakob Schmidt



Bastei Lübbe (Bergisch Gladbach, 2006) | Taschenbuch, 480 Seiten | Deutsch von Dietmar Schmidt | Titelbild: Fred Gambino