Ulrich C. Schreiber  |  Die Flucht der Ameisen

[Originalausgabe • 2006]

Der Geologe Gerhard Böhm entdeckt bei Geländeuntersuchungen in der Eifel sonderbare tektonische Störungsmuster. Verstärkt auftretende Beben im Neuwieder Becken sowie Entgasungsvorgänge im Laacher See bringen ihn zu der Überzeugung, dass die vulkanische Aktivität in diesem Raum, die zuletzt vor ca. 12.000 Jahren zu einem intensiven Vulkanismus in der Eifel geführt hatte, wieder zunimmt. Seine Anträge auf Forschungsgelder, um dem Phänomen nachgehen zu können, werden abgelehnt, und so trifft das im Weiteren geschilderte »geokalyptische« Naturphänomen mit brachialer Gewalt einen weitgehend unvorbereiteten dicht besiedelten Wirtschaftsraum mitten in Europa: Der Vulkan »Nunak« bricht westlich des Rheins aus, die heftige Eruption und Glutwolkenströme fordern sofort erste Opfer. In Koblenz und anderen Orten am Mittelrhein kommt es zu allgemeiner Panik.

Die größere Katastrophe folgt jedoch erst, als Lavaströme dem Rhein den Durchfluss versperren. Es beginnt die Überflutung des gesamten Mittelrheingebietes bis fast zur 200-Meter-Höhenlinie, ferner die Überflutung der Flusstäler von Main und Mosel bis zu ebendieser Höhe. Es dauert kein Jahr, und die Städte bis zum Oberrheingraben sowie Mainz und Frankfurt/M. stehen unter Wasser. Direkt betroffen sind zwei bis drei Millionen Menschen, mehrere Kernkraftwerke, unzählige Industrieanlagen, Kulturschätze, die gesamte Infrastruktur ... Damit nicht genug: Neue Gefahr droht nach einem zu befürchtenden Bruch des Lavadamms im Rheintal und dem Ausströmen des angestauten Wassers. Dann wären Bonn, Köln und das gesamte Niederrheingebiet bis nach Rotterdam durch eine riesige Flutwelle bedroht.

Der Griff zum Atlas oder das Studium der dem Buch beigegebenen Übersichtskarten machen dem Leser das erschreckende Szenario deutlich, das Schreibers Roman zugrunde liegt. In diesem apokalyptischen Bild liegt ein Großteil seiner Faszination begründet. Aber eine solche Katastrophe hier, mitten im sonst so sicheren Deutschland? Ist das überhaupt denkbar? In einer Nachbemerkung nimmt der Autor dazu Stellung. Klar, dass der Professor für Geologie Ulrich C. Schreiber die Fakten aus seinem Fachgebiete genau kennt und somit die Wahrscheinlichkeit des kurzfristigen Eintritts einer solchen Katastrophe beim Zusammentreffen bestimmter Umstände bejahen kann, wobei »kurzfristig« durchaus auch als geologischer Zeitraum verstanden werden sollte.

Die Handlungsschauplätze des Romans sind im engeren Raum des Vulkanausbruchs angesiedelt, wenngleich immer wieder deutschlandweite und europäische Auswirkungen des Geschehens eingeblendet werden. Bei deren Schilderung bleibt der Autor etwas blass, allerdings hätten weitergehende Ausführungen dazu den Umfang des Romans deutlich erhöht und von der Achse des Hauptgeschehens abgelenkt.

Das Bestreben des Autors besteht ganz deutlich darin, den Leser durch die Darstellung realer Kräfte des Erdinnern, die zur gleichen Zeit fokussiert auf einen neuralgischen Punkt der Erdoberfläche wirken, für die Relevanz geologischer Erscheinungen und Zustände auch im täglichen Leben zu sensibilisieren. Verbunden damit ist ein Plädoyer für die Fortführung einer modernen regionalen geowissenschaftlichen Forschung, die in Deutschland auch in der Realität einzuschlafen droht. Die fiktiven Schilderungen Schreibers aus dem - tatsächlich existierenden - zuständigen Geologischen Landesamt in Mainz sprechen eine deutliche Sprache.

Auf dieses Anliegen des Autors muss sich der Leser schon einlassen wollen, wird dafür aber auch mit einer unterhaltsamen Handlung belohnt. Die Hauptfigur Gerhard Böhm kommt dem Leser auch menschlich näher, was vorrangig ein Verdienst seiner Frau Katrin ist, die ihn in vielen Situationen begleitet. Richtig prickelnd entwickelt sich der Handlungsstrang um Böhms plötzlich auftauchende ehemalige Freundin Mareike, der leider erst spät einsetzt und alsbald endet.

Ulrich Schreiber laviert vor allem am Anfang des Romans unübersehbar im Widerspruchsfeld zwischen einem unterhaltsamen Erzählstil und der ihm wichtigen wissenschaftlichen Story. Preis der Lösung dieses Konfliktes ist ein etwas schulmeisterischer Gerhard Böhm. Der Autor beweist Selbstironie, indem er genau dies seinen Protagonisten ebenfalls bemerken lässt.

Es gibt einige Stellen im Roman, an denen der Leser in Kenntnis vergleichbarer auf der Welt abgelaufener Katastrophen eine inhaltliche Stimmigkeit vermisst. So wäre beim beschriebenen Ausmaß der Katastrophe die Mobilität der Bevölkerung in einem viel größeren Maße als beschrieben eingeschränkt, ganz abgesehen von der Frage, ob es noch genügend Benzin oder Diesel gäbe. Und ein im Krisenstab Tätiger könnte sicher nicht nach Lust und Laune tagelang in der Gegend herumfahren.

Ein Wort noch zu den bereits im Titel erwähnten Ameisen: jedem Romanteil vorangestellt finden sich kurze Passagen aus dem Leben eines Ameisenvolkes, die sich zu einer wunderschönen Metapher verdichten. Die Flucht der Ameisen ist insgesamt ein anspruchsvolles, wissensschweres und dabei doch unterhaltsames Buch.

Thomas Höding



Shayol Verlag
(Berlin 2006)
Leinen, 360 Seiten
Umschlagfoto von
Sebastian Schreiber