Neal Stephenson  |  Quicksilver

[Quicksilver · 2003]

Der Barock-Zyklus des US-amerikanischen Autors Neal Stephenson ist spannende Belletristik über die Anfänge der modernen Wissenschaften. Er ist eine Kombination aus historischem Roman mit Abenteurern und Diskussionen, wie sie unter den damaligen Gelehrten hätten stattfinden können.

Stephenson wurde zuerst mit den Romanen Snow Crash und Diamond Age als Vertreter des Cyberpunk-Genres bekannt. In dem Science-Fiction-Roman Cryptonomicon, der die Informationsverschlüsselung und -analyse behandelt, lässt Stephenson die Familien Waterhouse, Shaftoe und Root aufeinandertreffen, deren Wurzeln er in der Trilogie Quicksilver, Confusion und The System of the World erzählt.

Ausgangspunkte sind die politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen in Europa und Nordamerika am Ende des 17. Jahrhundert. Während der alte Kontinent noch zwischen Absolutismus und Moderne verharrt, beginnt Nordamerika zu jenen späteren Vereinigten Staaten von Amerika zu werden, die insbesondere im 20. Jahrhundert durch den technologischen Fortschritt gekennzeichnet sind. So treffen sich Enoch Root und Daniel Waterhouse in jenen wissenschaftlichen Instituten Bostons, die später die weltbekannten Universitäten Harvard und das Massachusetts Institute of Technology sein werden.

Im Roman kommen durch die wissenschaftlichen Berufe der Protagonisten auch Persönlichkeiten wie Newton oder der Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz zu Wort, ebenso der Erfinder des Quecksilberbarometers Robert Hooke. Quecksilber spielt auch insofern eine Rolle, als der Protagonist Jack Shaftoe durch die Einnahme dieses Elements die Folgen seiner Syphiliserkrankung lindern will. Shaftoe ist Soldat und Herumstreicher, der das von Türken belagerte Wien kennenlernt, ebenso Dresden, den Harz und Amsterdam. An vielen dieser Orte herrschen noch mittelalterliche Zustände.

Auch wenn Quicksilver durchaus als historischer Roman zu sehen ist - gerade hier finden sich wissenschaftliche Einschübe, wie sie vor allem Science-Fiction-Autoren verwenden. Soziale und technologische Innovationen werden als zentraler Bestandteil der Gesellschaft begriffen. Die Nähe zur Phantastik kommt aber vor allem durch den Autor und dadurch, dass in der Geschichte historische Unstimmigkeiten enthalten sind, worauf bereits in der Internetenzyklopädie Wikipedia hingewiesen wurde. Dabei zeigt Stephenson auf faszinierende Weise, dass die Arbeit der Wissenschaftler von politischen und organisatorischen Einflüssen abhängt sowie das Verständnis des Universums und seiner Gesetze trotz aller weltlichen Hindernisse weiter voranschreitet; manchmal recht einfach, aber auf eintausend Seiten sehr vielfältig.

Ulrich Blode



Manhattan (München, 2004) | Pappband, 1147 Seiten | Deutsch von Juliane Gräbener-Müller und Nikolaus Stingl