Jeff VanderMeer  |  Politik in der Fantasy

Kann und soll ein Schriftsteller seine politischen Ansichten in seinen Texten zur Schau stellen und aktuelle Ereignisse in ihnen reflektieren? Die phantastische Literatur ist auf den ersten Blick nur bedingt politisch und viele Leser legen sogar großen Wert auf die »Abgelöstheit« der Fantasy von den Ereignissen und Zwängen ihrer Lebenswelt. Jeff VanderMeer, US-amerikanischer Schriftsteller, Kritiker und Verleger, macht sich Gedanken über die Wechselwirkung zwischen Phantasie und Realität.

 

Politische Ansichten sind so persönlich wie religiöse. Das Zeitgeschehen sollte auf Schriftsteller einwirken und in ihren Texten widerhallen. Die Figuren, die Handlung, der Aufbau - all das profitiert von einer sorgfältigen Berücksichtigung und einem Dialog mit der politischen Welt.

Vor zwanzig Jahren hätten solche Erklärungen mich entsetzt - Erklärungen, an die ich nun fest glaube. In meiner Zeit als Teenager und junger Erwachsener betrachtete ich Literatur ausschließlich als Kunst, durch und durch. Kunst stand für mich über dem Alltäglichen, also auch über der Politik. Damals verstand ich noch nicht, dass die Erklärung der Surrealisten von der »krampfhaften Schönheit im Dienste der Freiheit« ein politischer Ruf zu den Waffen war.

Gleichzeitig gerieten meine Erzählungen jedoch in einen Widerspruch mit meinen bewussten Überlegungen über das Schreiben. Unterbewusst, auf der Ebene der Inspiration, flossen Politik und die Konsequenzen politischer Entscheidungen regelmäßig in meine Literatur ein. Ich schrieb über lateinamerikanische Diktaturen und das Erbe der Konquistadoren. Ich schrieb über den allmählichen Verlust persönlicher Grundrechte. Ich schrieb über die Auswirkungen, die Kriege auf Individuen und Gruppen haben. Ich schrieb über die Folgen des Kolonialismus.

Meine Kurzgeschichten wurden von politischen Ansichten durchdrungen. Manchmal waren diese so fest darin verankert, dass es die Geschichte ruiniert hätte, wären sie herausgenommen worden. Manchmal waren sie nur oberflächlich. Manchmal waren sie wahrscheinlich zu belehrend.

Ich glaube, die letztgenannte Möglichkeit - dass Literatur zu moralisierend wird - brachte mich zu der Überzeugung, dass Literatur als Kunstform von der Welt des Zeitgeschehens, und damit auch dem Durcheinander der Politik, getrennt sein sollte. Literatur sollte sich aus Figuren und Situationen entwickeln. Das Alltägliche sollte ausschließlich als Ausschmückung in Form von unbedeutenden Details präsent sein. Die Art und Weise, wie Licht auf einen Fensterrahmen fällt. Der bestimmte Tonfall einer Frau. Der Duft des Kaffees, der aus einem Café auf den Bürgersteig herausdringt.

Ich glaube, diese Einstellung zur Literatur erklärt, warum viele meiner Geschichten sehr stilisiert waren. Ich betrachtete sie beinahe als Gemälde: schön, aber statisch, emblematisch und symbolisch, erhaben und visionär, die Leidenschaft auf dem so genannten »Universellen« beruhend, in dem kein Platz für das Vergängliche war.

Während ich über meine imaginäre Stadt Ambra schrieb, änderte sich all das. Um als Schauplatz glaubwürdig zu sein, war es nötig, die Stadt mit umfassenden Details auszustatten. Ich war dazu gezwungen, auf allen möglichen Ebenen über Politik nachzudenken. Eine Stadt kann nicht gleichzeitig stilisiert und real sein - das wäre, als würde man einer Person den Sauerstoff vorenthalten oder als würde man alle Figuren mitten in der Bewegung erstarrt darstellen. Außerdem kann sich eine Stadt nicht über die Politik erheben, denn die Politik ist ihr Herz - ihre Institutionen, ihre Regierung und die persönlichen politischen Ansichten ihrer einzelnen Bürger, ihr persönliches Mit- und Gegeneinander.

Ich erinnere mich, dass Brian Stableford einmal über Angela Carter gesagt hat, ihr Werk würde Gefahr laufen, in rein mechanischen Symbolismus zu verfallen, bevor die darin unternommene Erforschung der Geschlechterpolitik mit dem Fantasy-Schauplatz eine enge Verbindung eingeht. Sie riskiere, in ihrem Werk nicht genug Luft zu lassen, damit die Leser atmen können.

Was mich angeht, ließ die Sekundärwelt von Ambra mehr von der realen, unstilisierten Welt in mein Schreiben einfließen - und das beinhaltete auch jene Teile der realen Welt, die politisch waren. Auf einmal dachte ich darüber nach, wie sich Konflikte im großen und im kleinen Rahmen anbahnen. Wie entstehen herrschende Eliten? Wie bleiben sie an der Macht? Welche Konsequenzen ziehen Kolonialismus und Pogrome nach sich, sowohl beim Unterdrücker als auch bei den Unterdrückten? Wer füllt ein Machtvakuum, wenn es entsteht, und warum?

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Den vollständigen Essay von Jeff VanderMeer finden Sie ab März 2007 in der ersten Ausgabe von Pandora!

 

© 2007 by Jeff VanderMeer
© der Übersetzung 2007 by Klaas Ilse



Deutsch von
Klaas Ilse