Als Michal Moorcocks Novelle »Behold the Man« 1966 erstmals in der Zeitschrift New Worlds erschien, löste sie - ebenso wie die längere Buchfassung 1969 - eine mittelgroße Kontroverse aus. Schließlich wagte sich hier ein »Trivialautor« an die heilige Kuh des Christentums: die Person Jesu Christi. Was Moorcock mit I.N.R.I. oder die Reise mit der Zeitmaschine (so der deutsche Titel) beabsichtigte, schildert er in diesem Essay.
Mein langes Ringen, mich aus den Niederungen der Trivialliteratur zu erheben und mich in den feineren Gefilden des literarischen Schaffens zu etablieren, spiegelt wohl eher die konventionellen Vorstellungen von Kultur wider, als dass es irgendetwas über meine eigene schriftstellerische Karriere aussagt. Ich habe es nie für nötig gehalten, meine Lust auf Rock and Roll mit meiner Vorliebe für Schönberg auszusöhnen, oder mich für meine Begeisterung für anspruchsvolle, populäre und literarische Belletristik zu entschuldigen. Wenn meine Begeisterung für Harrison Ainsworth nicht ganz so leidenschaftlich ausfällt wie die für George Meredith, dann hat das vor allem mit der Tatsache zu tun, dass Meredith in seiner besten Zeit der größte Romanautor des 19. Jahrhunderts war. Allerdings war Meredith nicht in der Lage, mit der gleichen Hingabe wie Ainsworth Schnurren über Räuber zu erzählen, und im Gegensatz zu Ainsworth zeigte er nur selten die Neigung, den einen oder anderen Gassenhauer einfließen zu lassen, sobald der Erzählfluss zu erlahmen drohte.
Ich bin in einer Welt aufgewachsen, in der die populären Künste eine ungeheure Kraft entwickelten - besonders jene, die vom Rock and Roll und der Science Fiction abgeleitet waren. Das waren die angesagten Kunstformen einer Generation, in der die Ironie kultiviert wurde wie eine Superdroge. Ihre Helden waren Andy Warhol und die Popkünstler, die Satire erlebte eine Blüte, und der gesellschaftliche Protest wurde zum Massenmarkt. Die Beatles, Jimi Hendrix, The Who, Pink Floyd, The Grateful Dead, Captain Beefheart, 2001, Dark Star, The Rocky Horror Picture Show, fortschrittliche Gesetzgebung bei den Bürgerrechten, Gonzo-Journalismus, radikaler Feminismus, die Black-Power-Bewegung, erfolgreiche Proteste gegen Zensur, eine Renaissance des Theaters, des Tanzes und anderer darbietender Künste, große Dichterlesungen an Orten wie der Albert Hall - und überall gab es Experimente, die mit neuen Ideen neue Ausdrucksmöglichkeiten suchten. Die Künstler fühlten sich durch die orthodoxen Ausdrucksmittel ihrer Zeit, die ihre Erfahrungen nicht mehr beschreiben konnten, beengt, und suchten in den Bildern, dem Vokabular und auch den Techniken der populären Formen nach neuen Anregungen und Methoden.
Die Orthodoxie vertritt ihrem Wesen nach stets die Ansicht - und zwar manchmal recht aggressiv -, das Beste sei bereits erreicht. Sie schafft ein künstlerisches Klima, das zugleich bedrohlich und erdrückend wirkt. In den USA der fünfziger Jahre entstand die repressivste und grausamste politische Landschaft unter allen Nachkriegsdemokratien, in der eine ganze Generation Oppositioneller mitsamt ihren idealistischen Prinzipien zum Schweigen verdammt war. In England litten wir, wenngleich unter einer progressiven Regierung, noch lange unter Entbehrungen und den Folgen der Kriegswirtschaft, was natürlich auch auf die Einstellung der Menschen abfärbte. Aufbegehrende Kinder wie ich wollten sich diesem Klima entziehen und suchten ihr Heil in Rock und SF. Ich glaube, wir haben es gefunden, und ich glaube auch, dass wir den englischen Roman gerettet haben. Ein Überblick über die heute erfolgreiche Belletristik belegt die deutlichen Spuren, die jene Ideen und Techniken hinterlassen haben, die wir vor dreißig Jahren in New Worlds ausprobiert haben.
Nachdem es ihr gelungen war, der Welt etwas mehr Gerechtigkeit und Gleichheit zu bringen, machte die „Gegenkultur" meiner Generation auch in der Musik keine schlechte Figur. Ganz praktisch gesagt, fördert allein die Rex Corporation der Grateful Dead mehr begabte moderne Komponisten ernster Musik als die meisten anderen öffentlichen oder privaten Stiftungen, und Paul McCartneys aktive Unterstützung aller Arten von Musik, besonders der klassischen Musik, ist bekannt. Pete Townsend trat als Direktor in das Verlagshaus Faber and Faber ein und beschäftigt sich mit der Förderung junger Künstler, besonders im Bereich der Musik. Es gibt noch viele weitere Beispiele. Diejenigen unter uns, die die sechziger Jahre mit einigermaßen intaktem Kopf und Bankkonto überlebt haben, halten sich immer noch an das Prinzip, wenngleich vielleicht etwas effizienter und kritischer, dass jede Kunst populär sein sollte, und dass Künstler, die der breiten Öffentlichkeit noch nicht bekannt sind, ein wenig Aufmerksamkeit und Förderung brauchen. Wir vertraten auch die Ansicht, unsere Werke sollten die Vielfalt der Belletristik, der Malerei oder der Musik widerspiegeln, die wir selbst genossen haben.
Die Idee für I.N.R.I. kam mir zu Ostern 1966 in einem Keller in Ladbroke Grove, als ich mit einigen Freunden über das Wesen von Demagogen und die Frage diskutierte, in welchem Maß ihr Aufstieg ihrem eigenen Ehrgeiz zu verdanken sei, und inwieweit die Sehnsucht der Massen ihnen ihre Macht verlieh.
...
Den vollständigen Essay von Michael Moorcock finden Sie ab März 2007 in der ersten Ausgabe von Pandora!
© 2007 by Michael Moorcock
© der Übersetzung 2007 by Jürgen Langowski

Deutsch von
Jürgen Langowski